Der MBTI (Myers Briggs Type Indicator) ist ein Persönlichkeitsmodell, welches vor mehr als 50 Jahren entwickelt wurde, und jeden Menschen streng einem von 16 Typen zuordnet. Heute geht es darum, welche Fehler die mittlerweile stark veralteten MBTI Dimensionen beinhalten, die diesen Typen zu Grunde liegen.

Auswertungsbogen aus der Entwicklung des MBTI / aus einem Artikel der Washington Post
Der MBTI im Vergleich zu modernen Erkenntnissen
In der modernen Persönlichkeitsforschung weiß man mittlerweile durch tausende Studien relativ gut, wie unsere Persönlichkeit funktioniert. Manche Bereiche sind besser erforscht, manche schlechter. Es gibt jedoch einen generellen Konsens, nämlich die Big Five der Persönlichkeit, welche die fünf bedeutendsten Persönlichkeitseigenschaften beschreiben. Sie gelten seit mehr als zwei Jahrzehnten als bestes verfügbares System zur Einschätzung der Persönlichkeit. Was kommt also dabei raus, wenn man die modernen Erkenntnisse der Forschung (von Big Five und Co.) mit dem mehr als 50 Jahre alten MBTI vergleicht?
Die 4 MBTI Dimensionen und ihre Fehler:
1. Introvertiert – Extrovertiert
Introvertiert – Extrovertiert sind in der gesamten Persönlichkeitsforschung die am wenigsten umstrittenen Persönlichkeitseigenschaften. Dementsprechend ist auch an den Definitionen dieser Eigenschaften beim MBTI nur vergleichsweise wenig auszusetzen. Gemessen an Jung und MBTI richten Extrovertierte ihre Energie nach außen und Introvertierte ihre Energie nach innen. Auch ich verwende diese simple Beschreibung beim Typentest Persönlichkeitstest, da sie eine schöne Metapher für die Funktion dieser Eigenschaften ist. Sie lässt sich mit der modernen Persönlichkeitsforschung größtenteils vereinbaren, denn Extrovertierte zeigen sich allgemein aktiver, abenteuerlustiger und geselliger. Allerdings muss man korrekterweise auch sagen, dass Introvertierte ihre Energie nicht tatsächlich nach innen richten, sondern einfach allgemein weniger aktiv, sondern eher passiv sind. Doch das ist eher Wortklauberei. Der einzige entscheidende Schwachpunkt beim MBTI sind die Details dieser Dimension: der wichtige soziale Aspekt von Extraversion wird nicht so deutlich beschrieben, und auch der Erlebnishunger und die gesteigerte Aktivität von Extrovertierten wird vernachlässigt. Ambivertierte, also Menschen zwischen den beiden Eigenschaften (immerhin je nach Definition ca. ein Drittel aller Menschen), werden beim MBTI – wie bei allen Dimensionen – außen vor gelassen.
2. Sensing – Intuition
Diese Dimension hat ihre Grundlage in Jungs mystischem Verständnis von Intuition. Nach dessen Definition würden sich Intuitionstypen nach ihrer Eingebung richten, sehen Zusammenhänge, Bedeutungen und Interpretieren. Sensing-Typen würden sich dagegen nach ihren fünf Sinnen, Fakten und Erfahrungen orientieren. Ihre moderne Entsprechung hat diese Dimension in der Big Five Eigenschaft Offenheit für neue Erfahrungen. Menschen mit hoher Ausprägung dort sind offen für vielseitige neue Erfahrungen und Gedanken (also Bedeutungen und Interpretationen, wenn man so will), weniger offene Menschen richten sich lieber nach dem, was sie bereits kennen (also bekannte Erfahrungen, wenn man es so nennen will). Das jedoch Menschen auf der einen Seite mehr auf ihre fünf Sinne und damit die Wahrnehmung ihrer Umgebung achten, so wie auf Fakten, ist komplett aus der Luft gegriffen. Für diese Behauptung gibt es keine Grundlagen, sie widerspricht allen modernen Erkenntnissen zur Persönlichkeit, und man kann sie daher getrost als falsch bezeichnen. Die Intuitions-Seite dieser Dimension ist im MBTI interessanterweise gar nicht so daneben mit ihrer Beschreibung von Menschen, die hinter die Dinge blicken und gerne über komplexe Zusammenhänge nachdenken. Die Sensing-Seite mit ihrer Beschreibung von aufmerksameren und direkter mit ihrer Umgebung verbundenen Menschen besteht allerdings ironischer Weise aus nicht viel mehr als Luftschlössern, für die es keine Nachweise oder Grundlagen gibt.
3. Thinking – Feeling
Diese Dimension weist die meisten Probleme, Unklarheiten und Fehlaussagen auf. Das die einen Menschen (Thinking) eher auf Logik und objektive Argumente achten, und die anderen (Feeling) eher auf andere Menschen und persönliche Gefühle, ist nichts als ein Mythos, der frappierend an Männer/Frauen Klischees erinnert.
Ob jemand mehr Gefühle zeigt, bzw. anderen gegenüber herzlich und gesellig ist, hängt in Wirklichkeit hauptsächlich mit der Dimension Introvertiert – Extrovertiert zusammen, und nicht mit Thinking – Feeling. Das Feeling-Typen empfindlicher auf Kritik und negatives Verhalten reagieren, ist ebenfalls schlicht falsch: dies liegt an der Eigenschaft des Neurotizismus (Empfindlichkeit), die hiervon komplett unabhängig ist und im MBTI gänzlich fehlt. Auch Logik und Objektivität haben nichts mit dieser Dimension zu tun, sondern sind davon (und generell von der Persönlichkeit) getrennte Eigenschaften. Jemand kann sowohl logisch denken, als auch sehr auf die Gefühle seiner Mitmenschen achten und mit ihnen mitfühlen. Dies sind in keiner Weise gegenüberstehende oder sich gegenseitig ausschließende Eigenschaften, bei denen eine bevorzugt werden muss, sondern beide können gleichzeitig existieren – oder jemand kann auch nichts von beidem haben.
Was ist nun die Realität dieser Persönlichkeitsdimension? Wir finden sie in der modernen Definition der Eigenschaft Verträglichkeit wieder: während die einen Menschen eher auf ihre eigenen Interessen achten, kühl und eigensinnig sind, sind andere eher mitfühlend, sanftmütig und kooperativ. Die Feeling-Seite der MBTI Definition ist daher zumindest teilweise treffend, die Thinking Seite liegt allerdings komplett daneben und ist in der Realität in dieser Form nicht-existent. Einige Teile, wie der, das Menschen mit dieser Ausprägung fairer sind, entsprechen in Wirklichkeit sogar dem Gegenteil, da Menschen mit niedriger Verträglichkeit hart interagieren und mehr auf den eigenen Vorteil achten, als auf eine gerechte Verteilung. Das Einzige was bei Thinking treffend ist, ist, dass diese Menschen zu kritisch, direkt oder gefühllos sein können. Der Rest der MBTI-Beschreibung von Thinking gibt hier jedoch ein extrem verzerrtes Bild der Realität wieder, gewisser Maßen einen Blick durch eine (sehr) rosarote Brille.
4. Judging – Perceiving
Diese Dimension ist in Jungs Grundlagen in dieser Form nicht vorhanden und wurde von Myers-Briggs selbst entwickelt. Die Beschreibungen der Eigenschaften liegen hier zwar nicht komplett daneben, weisen aber dennoch viele Falschaussagen auf.
Laut Definition im MBTI soll Judging – Perceiving die “Orientierung zur Außenwelt” messen. Darunter versteht man beim MBTI, ob eine Person in ihrem extrovertierten Verhalten eine stärkere Ausprägung bei Sensing – Intuition oder Thinking – Feeling hat. Jedoch hat sich diese Annahme als komplett falsch erwiesen, da es in der Realität keinerlei Einflussnahme oder Zusammenhang zwischen dieser Dimension und den anderen beiden Genannten gibt, was sogar in MBTI-nahen Publikationen festgestellt wurde.* Diese Falschannahme basiert auf der spirituell angehauchten Typendynamik des MBTI, die sich ebenfalls als komplett realitätsfern und unaussagekräftig erwiesen hat, siehe Blogartikel dazu.
Kommen wir zur eigentlichen Persönlichkeitsbeschreibung dieser Dimension: laut MBTI fällen Judging Typen gerne schnell Entscheidungen, bleiben dabei, wenn sie sich einmal entschieden haben, und bevorzugen die vorher entschiedene, geordnete und geplante Herangehensweise. Perceiving Typen halten sich dagegen lieber alles offen, warten mit Entscheidungen, passen sich an und sind offen für neue Erfahrungen und Informationen. Bei diesen Beschreibungen fällt eines gleich auf: es gibt signifikante Übereinstimmungen zwischen dieser und der Dimension von Sensing – Intuition. Sensing entspricht in vielerlei Hinsicht Judging und Perceiving in vielen Punkten Intuition. Dies wurde auch in diversen MBTI-nahen Studien festgestellt*. Bei diesen beiden Ebenen gibt es klare Überschneidungen, die Tür und Tor öffnen für Unklarheiten und Verwechslungen, auch im Vergleich mit modernen Persönlichkeitsinstrumenten: vieles in der Perceiving-Beschreibung entspricht verblüffend der modernen Definition von hoher Offenheit für neue Erfahrungen und vieles der Judging Beschreibung niedriger Offenheit. Eigentlich ist das Pendant zu Judging – Perceiving jedoch die Gewissenhaftigkeit: Menschen mit hoher Gewissenhaftigkeit leben geplant, sind organisiert, diszipliniert und zielstrebig. Menschen mit niedriger Gewissenhaftigkeit leben spontan, sind eher chaotisch und springen von einem zum anderen.
Judging – Perceiving im MBTI enthält also diverse Probleme, die nicht erst beim Vergleich zu aktuellen Persönlichkeitstests zu Tage treten, sondern bereits in der Struktur des MBTI keinen Sinn ergeben. Diese Dimension hat in der Realität weder etwas mit der Außenorientierung eines Menschen zu tun, noch sagt sie generell etwas darüber aus, wie schnell jemand Entscheidungen trifft. Die Beschreibung im MBTI ist diesbezüglich sogar komplett verkehrt herum. Denn Menschen mit niedriger Gewissenhaftigkeit handeln häufiger überstürzt, und entscheiden daher eher schneller und weniger überlegt, als solche mit hoher Gewissenhaftigkeit. Oder sie lassen die Entscheidung gleich ganz, und lassen den Dingen einfach ihren Lauf.
5. Neurotizismus / Empfindlichkeit
Diese sehr wichtige Persönlichkeitseigenschaft misst die emotionale Empfindlichkeit gegenüber negativen Einflüssen, bzw. auf der anderen Seite Resistenz und Resilienz gegen Stress und Negatives. Sie fehlt im MBTI komplett.
Zum Hintergrund der MBTI-Beschreibungen
Die vier Dimensionen des MBTI basieren komplett auf den “Psychologischen Typen” Carl Gustav Jungs, welche dieser 1921 in seinem gleichnamigen Buch veröffentlichte. Dementsprechend in die Jahre gekommen und überholt sind heute die dort beschriebenen Charaktereigenschaften.
Es ist zudem wichtig, sich vor Augen zu halten, das Jungs Beschreibungen nicht auf ausführlichen Studien, sondern nur auf seinen persönlichen Erfahrungen als Psychiater mit seinen Patienten und seinem Umfeld basieren. Bei seinen beschriebenen Typen handelt es sich in keinster Weise um endgültige Feststellungen oder nachweisbare Fakten, sondern um Theorien und Ideen, wie die Persönlichkeit seiner Meinung nach funktionieren könnte. Manche dieser Theorien, wie die Unterteilung in introvertiert und extrovertiert, wurden später von vielen aufgegriffen und verbessert, andere sind mehr oder weniger im Sand verlaufen und haben sich als falsch erwiesen (siehe oben). In jedem Fall handelte es sich dabei schlicht um die persönliche Sichtweise von Jung, nicht mehr und nicht weniger.
Beim MBTI hat man diese Jungschen Ideen teilweise exakt übernommen, teilweise verändert und teilweise ergänzt. Die größte Leistung hierbei dürfte sein, dass sie klarer formuliert, ihre Auswirkungen auf das alltägliche Leben besser aufgezeigt, und – am wichtigsten – ein Test entwickelt wurde, um diese Jungschen Typen mit Hilfe einfacher Fragen zu testen: der Myers Briggs Type Indicator. Bedenkt man, dass das Mutter-Tochter Gespann Katharine Briggs und ihrer Isabel Myers nur Laienpsychologinnen waren, ist das eine beeindruckende Leistung, die die beiden mehrere Jahrzehnte an Arbeit gekostet hat. Doch bereits in den ersten Jahren nach Veröffentlichung wurde der MBTI stark kritisiert und als unsolider, fehlerhafter Test beurteilt (siehe z.B. hier und hier). In den kommenden Jahrzehnten hat sich nur sehr wenig an ihm verändert, weswegen die Kritikpunkte heute noch viel deutlicher gelten als damals.
Ebenfalls muss berücksichtigt werden, dass der MBTI nicht aufgrund von wissenschaftlichen Studien oder Untersuchungen entstanden ist, sondern rein anhand von den privaten Überlegungen und Beobachtungen von Myers & Briggs. Das zentrale Argument, warum die Eigenschaften so definiert werden, ist einfach nur: “Jung hat es so geschrieben”. Beim MBTI wird Jungs Hinterlassenschaft ähnlich wie bei bibeltreuen Christen streng als einzige “Wahrheit” angesehen, an die sich bis heute fest geklammert wird. Die Säulen des Theoriegebäudes des MBTI bestehen somit aus nichts weiter als Jungs Worten.
FAZIT: der MBTI ist nicht als ernsthafter Test geeignet
Die Persönlichkeitsbeschreibungen im MBTI weisen viele grobe Fehler und Unstimmigkeiten auf. Was gerade beim Vergleich mit modernen Erkenntnissen allerdings auch auffällt, ist, dass bei weitem nicht alles an den MBTI Dimensionen falsch ist, sondern nur gewisse Teile – die dafür aber in vielen Fällen erheblich.
Zur Unterhaltung und für einem spielerischen Blick auf die Persönlichkeit ist der MBTI geeignet, zur ernsthaften Einschätzung der Persönlichkeit sollte der MBTI jedoch definitiv NICHT genutzt wurden, da seine Beschreibungen in so vielen Punkten nicht der Realität entsprechen. Es gibt bereits seit langem wesentlich bessere (und kostenlose) Modelle zur Einschätzung der Persönlichkeit, wie die Big Five und Co.
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Mehr zum MBTI:
- MBTI Übersichtsseite
- Adam Grants Analyse: Was falsch läuft beim MBTI
- Warum der MBTI in Deutschland so unbekannt ist
- Persönlichkeitsboxen: Big Five vs. MBTI
- Übersichtsseite zu den Big Five inkl. Beschreibung von deren Eigenschaften
Andere Persönlichkeitstests:
Reiss Profile, Disg, Enneagramm, Berufstest
* Quellen:
-Thorne Avril & Gough Harrison, Portraits of Type, An MBTI Research Compendium, 1999, Center for Applications of Psychological Type, Inc.
-Reynierse, James H, The case against type dynamics, Journal of Psychological Type, 2009
-Reinterpreting the Myers-Briggs Type Indicator From the Perspective of the Five-Factor Model of Personality, Robert R. McCrae, Paul T. Costa Jr., 1989
-Offizielle (fehlerhafte) Beschreibungen der MBTI-Dimensionen: MBTI-Basics